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Daseinsanalyse

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Kapitel 1: Anfänge

Kapitel 2: Daseinsanalyse und Psychotherapie

Kapitel 3: Der phänomenologische Zugang

Kapitel 4: Der Krankheitsbegriff

Kapitel 5: Das Ziel der Analyse



Daseinsanalyse

Gion Condrau


1. Anfänge

Die Daseinsanalyse verdankt ihre Entstehung und Entwicklung den geistigen Erneuerungen, die auf die beiden Weltkriege folgten. Im Bereiche der Psychiatrie entstand in den zwanziger Jahren eine Bewegung, die teils durch die Auseinandersetzung mit der Freudschen Psychoanalyse, teils durch ein wissenschaftliches Unbehagen über die traditionelle, systematisierende klinische Psychopathologie ausgelöst, nach einem neuen Grundlagenverständnis menschlicher Existenz und deren Störungen forschte. Im besonderen wurde die einseitig naturwissenschaftliche Ausrichtung der Psychiatrie und Psychotherapie heftiger Kritik unterworfen. So entstand die "anthropologische" Psychiatrie, begründet durch namhafte Forscher wie Binswanger, von Weizsäcker, Straus, von Gebsattel, Minkowski und Kunz, die bereits vor dem bedeutsamen Jahr 1927 sich an den Werken Schelers, Kierkegaards, an jenen von Brentano, Dilthey, Natorp, Lipps, Bergson und schließlich entscheidend an Husserl, Szilasi und Heidegger orientierten. Weniger bedeutsam war wohl der Einfluß von Jaspers und Sartre, obgleich ersterer selbst von der Psychiatrie her kam und letzterer eine eigene "psychanalyse existentielle" schuf.

Ludwig Binswanger (1881-1966) ist der eigentliche Begründer der daseinsanalytischen Psychiatrie. Zunächst allerdings bezeichnete er seine Forschungsrichtung im Anschluß an die intensive Beschäftigung mit der Phänomenologie Husserls als eine "phänomenologische Anthropologie". Erst 1941 nannte er sie, einer Anregung Wyrschs folgend, Daseinsanalyse. Zu dieser Zeit war Binswanger bereits in entscheidender Weise von den Werken Heideggers beeinflußt, besonders von dessen 1927 veröffentlichter Schrift "Sein und Zeit". 1942 erschien Binswangers Hauptwerk "Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins", dem später eine große Reihe von Arbeiten über Daseinsanalyse, Sprache und Verhalten Schizophrener sowie Untersuchungen über Melancholie und Manie folgten. Die daseinsanalytische Aufgabe in der Psychiatrie sah Binswanger darin, die jeweilige Gefügeordnung des Daseins eines bestimmten einzelnen Menschen in den Blick zu bekommen, und zwar unabhängig von der Unterscheidung von gesund und krank, von normgemäß und normwidrig. Die Daseinsanalyse Binswangers entsprang nicht, wie etwa die Psychoanalyse, einem therapeutischen, sondern einem "wissenschaftlichen" Impuls, der in der Unzufriedenheit gründete, daß der Psychopathologie ein eigentlicher erkenntnistheoretischer Grund und Boden fehle. Eine neue, von Binswanger inaugurierte Untersuchungsmethode sollte es der Psychiatrie ermöglichen, die konkreten, unmittelbar wahrnehmbaren psychopathologischen Symptome und Syndrome phänomenologisch zu verstehen und zu beschreiben. Schritt für Schritt wies der Begründer der Daseinsanalvse nach, wo und wie die naturwissenschaftliche Denkmethode im Bereich menschlichen Verhaltens zu kurz greift und ausgerechnet das spezifisch Menschliche des menschlichen Existierens verpaßt. Dabei stützte er sich zur Hauptsache auf Heideggers Destruktion der Grundidee von Descartes, die zur Subjekt-Objektspaltung der Welt geführt hatte, welche Binswanger das "Krebsübel" der Wissenschaft nannte. Es lag ihm viel daran, diese Subjekt-Objektspaltung auch im Bereich des psychiatrischen Vorstellens zu überwinden, was er anhand zahlreicher daseinsanalytischer Darstellungen von Lebensgeschichten schizophrener Kranker veranschaulichte.

Binswangers psychiatrische Daseinsanalvse befruchtete vor allem die moderne Schizophenie- und Psychopathieforschung. An die Stelle der klinischen Symptomatologie und Pathologie trat der psychotische oder psychopathische Mensch und seine Welt, der Mensch in und mit seiner Welt. Die "Welt" ist aber immer "Mitwelt"; nach Binswanger steht der Mensch in einem "dualen Seinsmodus", in einer "existentiellen Kommunikation", welche auch die Beziehung von Arzt und Krankem im Rahmen eines "Übertragungs-" und "Widerstandsverhältnisses" sprengt und zu einem "Miteinander- und Füreinander-Dasein" wird. Binswanger warf denn auch Heidegger vor, durch die "Reduktion" des In-der-Welt-seins auf die "Sorge", das Phänomen der "Liebe" als ein Über-die-Welt-hinaus-Transzendieren vernachlässigt zu haben. Dieses Mißverständnis der Sorgestruktur des Daseins von Seiten Binswangers führte in der Folge zum Bruch mit Heidegger und der Zürcher Schule der Daseinsanalyse. Die "Sorge" im Sinne von Heideggers "Sein und Zeit" ist nämlich nichts anderes als die existenziale Grundverfassung des Daseins. Im In-der-Welt-sein gründen deshalb alle möglichen Verhaltensweisen der Liebenden wie der Hassenden, der Fürsorge für den Mitmenschen und die Dinge dieser Welt, letztlich auch die psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis.

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2. Daseinsanalyse und Psychotherapie

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Zürich eine von Binswanger abweichende Schule der Daseinsanalyse gebildet, deren primäres Anliegen nicht ausschließlich die wissenschaftliche Grundlage der Psychiatrie war, sondern die praxisbezogene Anwendung der Lehre Heideggers in der Neurosenlehre und Psychotherapie. Medard Boss war es gelungen, Heidegger persönlich für die Belange der Psychotherapeuten zu interessieren und zur Teilnahme am Ausbildungsprogramm derselben zu bewegen. Dies führte zunächst zur Auseinandersetzung mit der Metapsychologie der Freudschen Psychoanalyse und der von Jung vertretenen analytischen Psychologie sowie zur Darstellung des phänomenologisch-daseinsanalytischen Zugangs zu den Phänomenen neurotischer, psychosomatischer und psychotischer Erkrankungen. Unter diesem Gesichtspunkt sollte nicht mehr nach "hinter den Phänomenen" liegenden unbewußten Kräften und schon gar nicht nach kausalgenetisch erklärbaren Zusammenhängen menschlichen Krankseins gesucht, sondern dem Verstehen des Sinn- und Bedeutungsgehaltes gesunden und gestörten menschlichen Existierens der Vorzug gegeben werden.

Binswanger hat denn auch den Begriff "Psychotherapie" neu gefaßt, indem er sie in ausgezeichneter Weise in die Sphäre des mitmenschlichen und mitweltlichen Seins stellt, da in jeder Form psychotherapeutischer Tätigkeit sich Menschen gegenüber stehen, die in irgendeiner Weise aufeinander angewiesen sind und sich miteinander auseinandersetzen. Im klassischen Wortgebrauch des Terminus "Psychotherapie" kommt diese Auseinandersetzung zwischen Arzt und Kranken nicht so sehr als mitmenschliches Verhältnis zum Ausdruck, sondern als Dienst an einer Sache. "Psyche" nämlich gilt dann als wissenschaftliches Abstraktum, während der andere Partner der therapeutischen Situation hinter seiner mitmenschlichen Funktion, der Therapeia, verschwindet. Psychotherapie wäre demnach eine Therapie der Seele, wobei beides, sowohl die "Seele" wie die "Therapie", nichts anderes als abstrahierte, vergegenständlichte Verhaltensweisen des Menschen sein können. Dies ist selbst dann der Fall, wenn unter Psychotherapie nicht die Therapie der Psyche wie bei Binswanger, sondern eine Therapie durch die Psyche verstanden wird. Freud hatte nämlich bereits 1905 geschrieben, "psychische Behandlung" heiße nicht Behandlung der krankhaften Erscheinungen des Seelenlebens, sondern "Behandlung von der Seele aus", also Behandlung seelischer oder körperlicher Symptome mit Mitteln, welche zunächst und unmittelbar auf die Psyche des Menschen einwirkten. Als solches Mittel bezeichnete er das Wort als "das wesentliche Handwerkzeug der Seelenbehandlung".

Damit sind wir beim Wesensmerkmal der Psychotherapie angelangt, nämlich bei der Sprache. Psychotherapie geschieht durch die Sprache, durch das Sprechen, Hören und Schweigen. Sprache gibt es jedoch nur im mitmenschlichen Bereich. Sie gehört wesensmäßig zum Menschsein, so sehr sogar, daß sie dieses mitkonstituiert. Mit den anderen, den gemeinsamen Dingen dieser Welt zu sein, bildet mit Sprache und Verstehen, Selbst- und Fremdverständnis die existentiellen Grundlagen jeglicher Psychotherapie. Im Sprechen geschieht Mitteilung, Offenbarung, Öffnung, Wahrheitsfindung. Die Sprache gehört zur Erschlossenheit des Daseins, sie verwirklicht den existentiellen Vollzug des Mensch-Seins. Zur Sprache gehört das Verstehen des Bedeutungsgehaltes eines begegnenden Seienden. So befähigt erst die Sprache den Menschen dazu, dasjenige Lebewesen zu sein, das er als Mensch ist. Die Sprache, sagt Heidegger, ist das "Haus des Seins"; die Menschen müssen wieder lernen, "in der Sprache zu wohnen". Sprechen bedeutet das Vergegenwärtigen von Vergangenheit und Zukunft, das Erschließen der Bedeutungsgehalte und Motivationszusammenhänge. wird der Mensch doch ständig und wesensmäßig sowohl von Gewesenem als auch von Gegenwärtigem und Zukünftigem angesprochen. Das, wovon in der Sprache die Rede ist, ist die gemeinsame Welt, in der sich Menschen begegnen. Dieser Raum spielt in der Psychotherapie eine wesentliche Rolle, umfaßt er doch die Partner der psychotherapeutischen Situation und stellt sie in einen größeren, allgemeinmenschlichen Daseinszusammenhang. Im therapeutischen Dialog drängt das Aussprechen den Menschen dazu, sich selbst darzustellen, sich neu und tiefer zu erfahren, sich besser zu verstehen.

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3. Der phänomenologische Zugang

Forscher, denen das überlieferte psychiatrische und psychoanalytische Rüstzeug zur Erklärung und Heilung von Krankheitserscheinungen nicht mehr ausreichte, haben ihrer neuen Betrachtungsweise und ihrer Therapie einen neuen Namen zu geben versucht. Allerdings musste ein Begriffspaar gefunden werden. das sowohl dem Wesen des Menschen als auch dem Sinn des Heilungsweges entspricht. Dafür boten sich zwei Termini an, die sich, obwohl von unterschiedlicher Herkunft, leicht vereinigen ließen: "Dasein" und "Analyse".

Als Dasein versteht sich der Mensch. Weder leblose Dinge noch außermenschliche Lebewesen wie Pflanzen und Tiere werden als Da-Sein angesprochen. Im Begriff des Daseins ist die Weltoffenheit, das Seinsverständnis, die Einzelerkenntnis enthalten. Primäre Weltoffenheit ermöglicht nicht nur die Erkenntnis vorhandener Dinge, sondern auch das Verständnis für die anderen Menschen, die "gemäss" ihrer Seinsart als Dasein gleich in der Welt sind wie ich selbst. Die Welt des Daseins ist somit primär Mitwelt. So kann der Mensch sich selbst, seine ihm begegnenden Mitmenschen und die Dinge unmittelbar verstehen. Diese Möglichkeit des unmittelbaren Verständnisses kennzeichnet die phänomenologische Methode. Sie hat sich nun gerade im Bereich der Psychotherapie als besonders fruchtbar erwiesen. Die Daseinsanalyse ist phänomenologisch, weil sie die jeweilige Sache von sich selbst her, ohne Verdeckung und Verzerrung durch sachfremde Kombinationen und Konstruktionen aufzeigen will. In ähnlicher Weise beschrieb Boss die Daseinsanalyse als eine neue, empirische Forschungsmethode oder Betrachtungsweise, die aus zwei Gründen für die Psychiatrie und Psychologie von kaum zu überschätzender Bedeutung sei. Einmal zwinge sie unser Denken und ermögliche es demselben zugleich, die gedanklichen Voraussetzungen und Grundvorstellungen dieser Wissenschaften auf ihre Angemessenheit für das Wesen des Menschen hin zu untersuchen. Zum anderen gebe sie der konkreten Forschung neue Impulse und eröffne bisher völlig verdeckte Fragestellungen. Diese doppelte Bedeutung gründe in ihrer einfachen Forderung, von allen mitgebrachten theoretischen Abstraktionen und gedanklichen Konstruktionen abzulassen und zu den unmittelbar gegebenen Erscheinungen zurückzukehren. "Die Dinge und Menschen sollen uns von ihnen selbst her, aus der ihnen je eigenen Weise ihres Erscheinens heraus von ihrem Wesen Kunde geben".

So einfach diese Forderung klingt, ist ihre Erfüllung für uns heute doch das Schwierigste. Die modernen Menschen und mit ihnen die Wissenschaftler, Psychiater, Psychologen und Ärzte haben weitgehend den Blick für das eigentlich Wesentliche des Sichzeigenden eingebüßt. Sie lassen sich in dem Maße, in dem ihr Denken von der überall herrschenden naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise bestimmt wird, nicht länger zureichend auf die ganze Fülle des unmittelbar Erfahrbaren ein, sondern trachten jeweils unverzüglich danach, bei allem ihnen Begegnenden so rasch als möglich zu einer mittelbaren, hintergründigen, theoretischen Erklärung zu kommen, damit ihr Untersuchungsgegenstand berechenbar und somit reproduzierbar werde.

Ungeachtet dieser Einseitigkeit erhebt die Naturwissenschaft immer noch allzu oft den Absolutheitsanspruch, der einzige wissenschaftliche Zugang zum Wirklichen zu sein. Nichts gibt ihr jedoch das Recht, sich für wissenschaftlicher zu halten als etwa eine Betrachtungsweise, die beim schlichten auslegenden Hinnehmen vernommener Phänomene verweilt, bei den zu untersuchenden Sachen selbst bleibt, ihre Bedeutsamkeiten immer differenzierter zu erfassen sucht und damit in ausgezeichneter Weise "objektiv", sachlich genannt zu werden verdient. Daß letztere gerade im Bereich der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosornatik einen besonderen Raum einzunehmen berechtigt ist, ergibt sich schon aus dem Sachverhalt, daß alle diese Wissenschaften in erster Linie mit dem Menschen zu tun haben. Er aber ist weniger als alles andere in lauter berechenbare Quantitäten aufzulösen. Der Vorrang der daseinsanalytischen Wissenschaftsmethode in diesen Bereichen gründet des weiteren im Wesen des neurotischen, psychosomatischen und psychotischen Krankseins. Dieses ist in seinen eigentlichen Grundzügen erst recht nicht aus verrechenbaren Quantitäten aufgebaut, wie sie den Naturwissenschaften allein zugänglich sind. Es läßt sich nur durch Einsicht in die unmeßbaren Qualitäten des immer wieder anders gestörten, verstimmt und unfrei gewordenen Verhältnisses des betreffenden Kranken zu den Gegebenheiten seiner Welt verstehen. Dies schließt freilich nicht aus, daß auch naturwissenschaftlich bezüglich der gesunden und kranken Existenz des Menschen im Leibbereich sehr Wichtiges und Nützliches gefunden werden kann, nie jedoch das spezifisch Menschliche des Gesund- und Krankseins.

Wenn aber dem Menschen sein Sein aufgetragen ist, woran orientiert er sich dann, wo findet er seinen Halt? Einmal in der Befindlichkeit, der Stimmung, durch die er in ursprünglicher Weise erfahren kann, wie es um ihn bestellt ist. Dann im Gewissen, das Ruf-Charakter besitzt und darauf verweist, daß er möglicherweise sein Sein verfehlt. Schließlich im Tod, in der Endlichkeit und Begrenztheit menschlichen Seins. Der Mensch steht immer in einem Verhältnis zu diesem Ende seines Seins, sei es, dass er den Tod als endgültigen Abschluß versteht oder erst als Beginn der Unendlichkeit. Beides sind Verhaltensweisen, die die Annahme der Endlichkeit zu umgehen versuchen. Insofern sich menschliches Dasein dem Gewissen als Anruf und der Endlichkeit des In-der-Welt-Seins verschließt, mit anderen Worten, den faktischen Vollzug seiner einmaligen Existenz abwehrt, wird er krank. Der Mensch als weltoffenes Wesen ist nicht determiniert wie etwa das Tier, sondern durch die Freiheit bestimmt, auch dann, wenn diese im faktischen Vollzug menschlicher Existenz eingeschränkt ist. Menschliches In-der-Welt-Sein als Offenständig-Sein und Frei-Sein meint jedoch ein Offen-Sein und Frei-Sein gegenüber den begegnenden Dingen dieser Welt. Insofern ist dem Mensch sein Sein aufgetragen, ohne das nichts anderes sein und anwesend sein könnte.

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4. Der Krankheitsbegriff

In der Krankheit meldet sich die Unmöglichkeit des Daseins, jede Krankheit verweist den Menschen auf sein Sterblichsein. Wenn aber der Tod lediglich die Vernichtung, die Zerstümmelung, das Ende des Mensch-Seins bedeutet, also sinnlos ist, dann ist auch die Krankheit sinnlos. Menschsein impliziert das Wissen um den Tod und das Verhältnis des Daseins zu diesem Wissen. In der Krankheit kommt die Möglichkeit des Todes auf den Menschen zu, sie verweist auf die Endlichkeit, Beschränktheit und Vergänglichkeit des Menschseins. Krankheit wird in diesem Sinne verstanden als ein Sich-Zeigen der Endlichkeit des Daseins als In-der-Welt-sein.

Gleichzeitig steht Krankheit auch im mitmenschlichen Bezug, und Heilung hat die säkularisierte Bedeutung von Heilen. Der Sinn der ärztlichen Tätigkeit wird dadurch zur Grundfrage der Heilkunde. In der traditionellen Medizin wird die Krankheit uminterpretiert. Sie spielt sich gleichsam neben dem Menschen ab und soll verfügbar gemacht werden. Doch machte Freud die Entdeckung, daß der Arzt aus der Rolle des unbeteiligten Zuschauers herausgedrängt und in das Krankheitsgeschehen einbezogen wird. Er ist der Stellvertreter für alle mitmenschlichen Bezüge des Kranken, die dieser mit anderen Menschen nicht oder nur in gestörter Weise vollziehen konnte.

Damit ist, was insbesondere für Psychotherapie gilt, die Partnerschaft von Arzt und Patient angedeutet. Immer nämlich geht es um die Befreiung des neurotischen Menschen aus der Beengtheit der Vollzugsmöglichkeiten seines Daseins. Dasein als In-der-Welt-sein meint die Gesamtheit der einem Menschen gegebenen Verhaltensmöglichkeiten, deren freier Vollzug in pathologischer Weise gestört sein kann. Letzteres verstehen wir unter Kranksein. Die wissenschaftliche Vorstellung von Kranksein beruht dagegen auf Abstraktionen von einzelnen Weisen menschlichen Krankseins. Verschiedene Weisen menschlichen Krankseins sind verschiedene Arten der Beeinträchtigung des freien Vollzugs von Existenzialien, wie etwa das Frei- und Offen-Sein, das Räumlich-Sein, Zeitlich-Sein, Miteinander-Sein, Gestimmt-Sein, das Leiblich-Sein.

Eine Phänomenologie des Krankseins hat deshalb davon auszugehen, daß bei verschiedenen Arten des Krankseins Vollzugsweisen der existenzialen Grundzüge des Daeins in besonderem Maße beeinträchtigt sind. Allerdings muß hier gleich vermerkt werden, daß diese Grundzüge keineswegs gesondert betrachtet werden dürfen, sondern immer "untrennbare und gleichursprüngliche Glieder der einheitlichen Strukturganzheit, als welche der Mensch existiert" (Boss) sind. Infolgedessen sind bei jeder Störung alle menschlichen Wesenszüge mitbetroffen, auch dann, wenn scheinbar einer davon im Vordergrund steht. So weist eine "organische" oder eine "psychosomatische" Erkrankung augenfällig auf eine Beeinträchtigung des Leiblich-Seins der menschlichen Existenz und auf die Frage hin, auf welche besondere Weise das "Leiben" welchen Weltbezuges eines Kranken gestört ist. Die Beantwortung solcher Fragen hat der Daseinsanalyse die Möglichkeit in die Hand gegeben, Krankheits"wahl" und Organ"wahl" neu zu bestimmen. Fällt demnach bei vielen Krankheiten die Störung des leiblichen In-der-Welt-seins auf, so kann ein andermal, wie etwa bei Psychosen, aber auch bei agoraphoben und klaustrophoben Neurosen das Räumlich-Sein, bei Gehirnstörungen und Altersveränderungen das Sich-Zeitigen der menschlichen Existenz im faktischen Vollzug eingeschränkt sein. Betonte Störungen in den Vollzügen des wesensmäßigen Gestimmtseins finden wir bei den Manisch-Depressiven, den melancholisch Verstimmten, aber auch bei den Angstneurosen und schließlich bei den immer häufiger auftretenden Langweiligkeits- und Sinnlosigkeitsneurosen. Schließlich zeigt sich eine maximale Störung der Offenständigkeit und Freiheit des Daseins bei den schizophrenen Psychosen und den schweren Zwangsneurosen. Wie sehr ferner der Vollzug menschlichen Daseins als ursprüngliches Mit-Dasein verfehlt werden kann, erfahren wir bei fast allen neurotisch gestörten Menschen, in besonderem Maße vielleicht bei den sogenannt schizoiden "Psychopathen", aber auch im Bereich der sexuellen Perversionen. Boss hat in seinem "Grundriß der Medizin" den Versuch gewagt, Krankheitserscheinungen dieser Art sachgemäß zu rubrizieren und zu interpretieren. So gilt es denn, bei jedem Kranken offenbar werden zu lassen, in welcher Weise welche Grundzüge seines Wesens nicht voll zur Entfaltung gelangen können.

Krankheiten sind demnach Privationserscheinungen des freien Austragen-Könnens aller normalerweise einem Menschen gegebenen Verhaltensmöglichkeiten oder Weisen menschlichen Daseins. Krankheit bedeutet immer einen Verlust menschlicher Freiheit.

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5. Ziel der Analyse

Ziel der Psychotherapie kann demnach nur sein, den faktischen Vollzug der menschlichen Freiheit in grösstmöglichem Ausmaße zu gewährleisten, bzw. wiederherzustellen. Dies gilt für jede Art von Freiheitsbeschränkung und für jede Art medizinischer Therapie. So zielt beispielsweise auch ein chirurgischer Eingriff bei einer Knochenfraktur oder die intermedizinische Betreuung eines bettlägrigen Infarktpatienten letztlich immer auf die Wiederherstellung der Bewegungsfreiheit des Kranken, einer Bewegungsfreiheit allerdings, die über die psychologische Mobilität des erkrankten Organs hinausreicht. Der ans Bett gefesselte Kranke ist in viel stärkerem Maße in allen seinen Weltbezügen gestört, als die naturwissenschaftlich erfaßbare Bewegungsbehinderung erahnen läßt.

Da jedes Weltverhältnis gestimmt ist und die Offenständigkeit wesentlich von der Gestimmtheit abhängt, geht es in der Psychotherapie zunächst und in besonderer Weise um eine Umstimmung. Solche Umstimmung erfährt der Mensch allerdings nicht durch ein intellektuelles "Analysieren" im Sinne der Bewußtwerdung "unbewußter" Strebungen oder etwa durch die unreflektierte Annahme fremder Hilfe, sondern immer nur in der ständig geübten "Analyse" als Durchsichtig-Werden-Lassen verborgener Motivationen.

So ziehen wir den Begriff "Analyse" dem der "Therapie" vor. Einmal deshalb, weil mit der Analyse der Patient selbst gemeint ist und er damit nicht nur die Erforschung des Bedeutungsgehaltes seiner Krankheit, sondern auch einen beträchtlichen Teil der Verantwortung für seine Heilung übernimmt. Zum anderen weist die "Analyse" darauf hin, daß das Kranksein und die Sorge dem Menschen nicht einfach abgenommen, sondern erst eigentlich zurückgegeben werden. Dieses Zurückgeben kann jedoch nur auf dem Boden mitmenschlichen Haltes erfolgen, das den Kranken tragfähig werden läßt. Die Daseinsanalyse hält sich an den ausgezeichneten Rat Heideggers, den Menschen auf sich selbst zu verweisen. Solches Verweisen bedeutet jedoch keineswegs, daß der Kranke sich selbst überlassen bleibe. Wäre dies nämlich der Fall, dürfte man nicht von "Für-Sorge" sprechen. Es meint vielmehr ein Dasein für und mit dem anderen, sich selbst und ihm möglichst große Freiheit gewährend. Der Unterschied zwischen Analytiker und Analysand kann ausschließlich in der größeren Freiheit und Offenheit des ersteren bestehen. In solcher Freiheit und Offenheit ereignet sich das Gespräch, das die lebensgeschichtlichen Motivationszusammenhänge und das Hier und Jetzt der gestörten Weltbezüge zur Sprache kommen läßt.

Aus dieser Sicht ergibt sich folgerichtig, daß die Daseinsanalyse nicht eine von vielen psychotherapeutischen Schulen sein kann, sondern eine Betrachtungsweise darstellt, der es um die Erforschung jener Phänomene geht, die allen Schulen und allen Verhaltensweisen von Menschen, die anderen helfen können, gemeinsam sind. Das Bedenken des gesunden und kranken Mensch-Seins ermöglicht erst die praktische Arbeit des Psychiaters und Psychotherapeuten, die ja ganz wesentlich von dessen jeweiligem Weltverhältnis mitbestimmt wird.

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